Noch gibt es kein Gesetz. Aber die Richtung zeichnet sich ab, und sie beginnt in der Hausarztpraxis.
Wer gesetzlich versichert ist und einen Facharzttermin sucht, kennt das Gefühl: Am Telefon kommt früh die Frage nach der Versicherung, und danach entscheidet sich oft, wie lange man wartet. Darüber wird in Berlin gerade wieder heftig gestritten. Neu ist, dass sich jetzt auch Stimmen aus CSU, SPD und vom Kassenverband deutlich äußern. Die Koalition will mit einem Primärarztsystem und einer „Termingarantie“ antworten. Was dahintersteckt, was noch offen ist und was du bis dahin tun kannst, erklären wir hier.
In 30 Sekunden
Die Koalition plant ein System, in dem du zuerst in die Hausarztpraxis gehst. Die soll dich bei Bedarf mit einem festen Zeitfenster an eine Fachärztin oder einen Facharzt weiterleiten. Einen Gesetzentwurf gibt es noch nicht, er ist für November angekündigt. Im Alltag ankommen soll das System 2028. Bis dahin gelten die bisherigen Wege über Überweisung und Terminservicestelle.
Was die Koalition vorhat
Die Grundidee heißt Primärversorgung. Die erste Anlaufstelle ist die Hausarztpraxis. Dort wird entschieden, ob du einen Facharzt brauchst und wie dringend. Nach dem Plan der Koalition, über den die Nachrichtenagentur dpa berichtet, legen die Hausärztinnen und Hausärzte dafür einen Zeitkorridor fest, und zwar nach medizinischem Bedarf. Innerhalb dieses Zeitraums sollst du dann einen Termin bekommen.
Gesundheitsminister Carsten Linnemann hatte im September im Bundestag einen Entwurf für „dieses Jahr, wahrscheinlich im November“ angekündigt. Vorarbeiten laufen laut dpa seit Januar, Ziel ist das Jahr 2028.
Für gesetzlich Versicherte wäre das ein Wechsel im Prinzip: Nicht mehr die Frage, wer zuerst anruft oder wie man versichert ist, soll über den Termin entscheiden, sondern wie dringend die Behandlung ist. Wie genau das überprüft und durchgesetzt werden soll, wird erst der Entwurf zeigen.
Wer sich jetzt zu Wort meldet
Besonders deutlich wurde der GKV-Spitzenverband. Dessen stellvertretende Vorsitzende Stefanie Stoff-Ahnis nannte es „überfällig“, Termine allein nach medizinischer Notwendigkeit zu vergeben. Die Frage nach der Versicherungsart sei faktisch „ein Instrument zur Diskriminierung“.
Unterstützung kommt aus der Politik. Der CSU-Gesundheitspolitiker Klaus Holetschek will prüfen lassen, ob Online-Terminportale den Versichertenstatus künftig gar nicht mehr abfragen dürfen. Christos Pantazis von der SPD spricht sich für eine „Termingarantie“ aus. Der Sozialverband SoVD nannte die heutige Lage einen „Skandal“.
Es gibt aber auch klare Gegenstimmen. KBV-Chef Gassen warnt, feste Kontingente für gesetzlich Versicherte würden die „Terminnot“ eher verschärfen. Und der Verband der Privaten Krankenversicherung hält dagegen, rund zehn Prozent Privatversicherte könnten „rein rechnerisch nicht“ für die Probleme verantwortlich sein.
Was das für dich bedeuten könnte
Noch steht nichts fest, aber die Richtung lässt sich beschreiben. Wenn das System so kommt wie geplant, würde der Weg zum Facharzt in den meisten Fällen über die Hausarztpraxis führen. Der Vorteil: Wer eine Überweisung mit Zeitfenster hat, müsste sich nicht mehr selbst durch Wartelisten telefonieren. Der Nachteil könnte sein, dass der direkte Weg zur Fachpraxis seltener wird. Welche Fachgruppen davon ausgenommen sind, zum Beispiel Frauen- oder Augenärzte, ist noch offen.
Für Berufstätige ohne festen Hausarzt würde es wichtiger, eine Praxis zu haben, die sie kennt. Für chronisch Kranke mit vielen Facharztkontakten wird es darauf ankommen, wie Dauerüberweisungen geregelt werden. Familien und Menschen auf dem Land werden darauf achten, ob es genug Hausarztpraxen gibt, die diese Rolle übernehmen können.
Eine Sorge ist zumindest an einer Stelle kleiner geworden: Mit den Nachbesserungen am Spargesetz sollen Haus- und Kinderärzte ab Januar 2027 ihre Kernleistungen weiter „unverändert in voller Höhe vergütet“ bekommen, wie ein Fachbeitrag im IWW-Informationsdienst erklärt. Geplante Honorarabschläge entfallen damit in diesem Punkt.
Gibt es so etwas schon?
Im Kleinen ja. Viele Krankenkassen bieten heute schon Hausarztmodelle an, in der Fachsprache hausarztzentrierte Versorgung. Wer daran teilnimmt, geht zuerst zur Hausärztin, die dann bei Bedarf überweist. Wer so ein Modell nutzt, kennt das Prinzip „Hausarzt zuerst“ also bereits.
Was heute für Facharzttermine gilt, also Terminservicestelle, Fristen und die geplante Meldepflicht für Praxen (der Bundesrat muss sich noch damit befassen), haben wir am Montag in einem eigenen Artikel zu Facharztterminen erklärt.
Was du tun kannst
- Eine feste Hausarztpraxis suchen. Wer noch keine hat, ist heute schon besser dran und wäre es in einem Primärarztsystem erst recht.
- Das Hausarztmodell deiner Kasse prüfen. Frag nach, ob deine Kasse eins anbietet und welche Vorteile die Teilnahme hat.
- Bis zur Reform die bestehenden Wege nutzen. Eine Überweisung mit Vermittlungscode und die Terminservicestelle bleiben der schnellste Weg, wie unsere FAQ zum Facharzttermin über die 116117Facharzttermin über die 116117Hält deine Praxis einen Termin innerhalb von vier Wochen für nötig, muss die Terminservicestelle dir mit Überweisung und Vermittlungscode binnen einer Woche einen Termin vermitteln, höchstens vier Wochen später. Ob die geplante Meldepflicht für Praxen Termine schneller macht, ist offen. zeigt.
- Den Entwurf abwarten. Was genau kommt, entscheidet sich erst mit dem Gesetzestext, der für November angekündigt ist.


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