Ein Vorschlag, kein Gesetz. Für deine Entscheidungen zählen die heutigen Regeln.
Es ist ein Satz, der aufhorchen lässt, gerade weil er vom Chef der größten deutschen Krankenkasse kommt. „Wir sollten die private Krankenversicherung abschaffen, die gesetzliche aber auch“, sagte Jens Baas, Vorstandschef der Techniker Krankenkasse, dem Spiegel. Statt zwei getrennter Systeme schlägt er ein neues, gemeinsames vor. Viele fragen sich jetzt: Was hieße das für mich, und muss ich etwas tun? Die kurze Antwort auf die zweite Frage lautet: nein, jedenfalls nicht jetzt.
In 30 Sekunden
Jens Baas will gesetzliche und private Krankenversicherung durch ein einheitliches System ersetzen, in dem niemand wegen Alter oder Vorerkrankung abgelehnt wird und jeder jederzeit wechseln kann. Wie die Beiträge berechnet würden, hat er offengelassen. Es ist ein Vorschlag in einer laufenden Debatte, kein Gesetzentwurf. Für Entscheidungen wie einen Kassenwechsel oder den Gang in die private Versicherung gelten weiter die heutigen Regeln.
Was Baas vorschlägt
Nach dem Bericht des Merkur, der sich auf das Spiegel-Interview stützt, hat Baas mehrere Bausteine für sein Modell genannt. Kein Versicherer soll Menschen wegen ihres Alters oder wegen Vorerkrankungen ablehnen dürfen. Ein Wechsel zwischen den Anbietern soll jederzeit möglich sein. Es soll einen verbindlichen Katalog an Leistungen geben, den alle anbieten müssen. Gewinne sollen nicht abgeschöpft werden. Gleichzeitig sollen die Versicherer mit Ärztinnen und Ärzten frei Verträge schließen können, so wie es heute in der privaten Krankenversicherung üblich ist. Und Rücklagen sollen geschützt sein.
Damit greift der Vorschlag Elemente aus beiden Welten auf. Die Pflicht, alle aufzunehmen, kennt man aus der gesetzlichen Versicherung. Freiere Verträge mit Praxen erinnern an die private. Die entscheidende Frage hat Baas aber nicht beantwortet: Wie sich die Beiträge berechnen würden, ob nach Einkommen wie heute in der gesetzlichen Kasse oder nach einem anderen Maßstab, ließ er offen.
Wie die Debatte entstanden ist
Baas steht mit dem Thema nicht allein. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte im September eine Diskussion über das Nebeneinander von gesetzlicher und privater Versicherung angestoßen. Er sprach von einem „Gerechtigkeitsproblem“, wenn Privatversicherte schneller Leistungen bekommen als Kassenpatienten. Seitdem melden sich Kassen, Verbände und Politik zu Wort, zuletzt am Wochenende auch der GKV-Spitzenverband zum Thema Facharzttermine. Über die Termin-Debatte und die neue Meldepflicht für Praxen berichten wir in einem eigenen Beitrag.
Eine Kommission, die FinanzKommission Gesundheit, soll bis Ende 2026 Vorschläge für die Finanzierung der Krankenversicherung vorlegen. Ob ein Umbau des gesamten Systems dabei eine Rolle spielt, ist offen. Klar ist: Ein so grundlegender Umbau ginge nur über neue Gesetze, und einen Entwurf dafür gibt es nicht.
Was das für dich bedeutet
Für die rund 12,5 Millionen Versicherten der TK und alle anderen gesetzlich Versicherten ändert sich durch den Vorschlag nichts. Das gilt genauso für Privatversicherte. Die heutigen Regeln bleiben, bis der Gesetzgeber etwas anderes beschließt.
Trotzdem lohnt es sich, die Debatte im Blick zu behalten, je nachdem, in welcher Lebenssituation du bist.
Wer jung ist, gut verdient und über einen Wechsel in die private Versicherung nachdenkt, sollte diese Entscheidung nicht von einem Vorschlag abhängig machen, der vielleicht nie umgesetzt wird. Ein solcher Wechsel ist eine Entscheidung für viele Jahre und will gut überlegt sein. Entscheidend sind die heutigen Bedingungen und deine eigene Lebensplanung.
Familien sollten wissen, dass die beitragsfreie Familienversicherung für Kinder und Ehepartner ohne eigenes Einkommen zu den großen Vorteilen der gesetzlichen Versicherung gehört. Was mit ihr in einem neuen System passieren würde, hat Baas nach dem vorliegenden Bericht nicht gesagt.
Selbstständige, die zwischen den Systemen abwägen, sollten ebenfalls auf die heutigen Beiträge und Leistungen schauen und nicht auf mögliche Reformen in ferner Zukunft.
Für alle gesetzlich Versicherten bleibt in den nächsten Wochen eine andere Zahl wichtiger: der Zusatzbeitrag 2027. Den durchschnittlichen Wert gibt das Gesundheitsministerium bis zum 1. November bekannt. Was dabei zu beachten ist, erklärt unsere FAQ zum ZusatzbeitragZusatzbeitrag – häufige FragenZum allgemeinen Beitragssatz von 14,6 % kommt der kassenindividuelle Zusatzbeitrag. Jede Kasse setzt ihn selbst fest; er wird bei Pflichtversicherten hälftig getragen und entscheidet mit über Beitrag und Wechselrecht..
Was du tun kannst
- Gelassen bleiben. Der Vorschlag ist kein Gesetz, deine Versicherung läuft unverändert weiter.
- Große Entscheidungen auf heutiger Grundlage treffen. Ein Wechsel in die private Versicherung oder zurück sollte nicht auf Spekulationen beruhen.
- Den eigenen Zusatzbeitrag 2027 prüfen. Erhöht deine Kasse, hast du ein Sonderkündigungsrecht und kannst die Kasse wechseln.
- Die Debatte verfolgen. Wenn die FinanzKommission Ende des Jahres ihre Vorschläge vorlegt, wird es konkreter.
Ob aus dem Vorstoß jemals mehr wird, kann heute niemand sagen. Er zeigt aber, wie grundsätzlich inzwischen über die Zukunft der Krankenversicherung gesprochen wird.


Schreibe einen Kommentar