Erst die 116117, bei Lebensgefahr die 112.
Es ist Samstagabend, das Kind hat hohes Fieber, die Kinderarztpraxis ist zu. Viele Eltern stehen dann vor derselben Frage: Notaufnahme, Bereitschaftsdienst oder bis Montag warten? Genau an dieser Stelle setzt die Reform der Notfallversorgung an, über die der Bundestag heute in zweiter und dritter Lesung abstimmen soll. Sie soll Patientinnen und Patienten schneller dorthin lotsen, wo ihnen am besten geholfen wird. Gesundheitsministerin Linnemann spricht von einem „Notfallwegweiser für Patienten“.
Update, 15.10., 10:17: Der Bundestag hat die Notfallreform am Donnerstag beschlossen (Bundesgesundheitsministerium).
In 30 Sekunden
Bei Beschwerden außerhalb der Sprechzeiten bleibt die 116117 die erste Nummer. Sie soll zur Akutleitstelle werden, die deine Beschwerden am Telefon oder per Video einschätzt und dir sagt, ob die Hausarztpraxis am nächsten Tag reicht, eine Notdienstpraxis passt oder du in die Notaufnahme solltest. An rund 750 Kliniken sollen Notfallzentren mit einem gemeinsamen Empfang entstehen. Bei Lebensgefahr gilt unverändert: sofort die 112.
Warum es überhaupt eine Reform braucht
Heute gibt es zwei Telefonwege nebeneinander, die 116117 für den ärztlichen Bereitschaftsdienst und die 112 für Rettungsdienst und Feuerwehr. Laut Bundesregierung führt das teils dazu, dass Menschen nicht dort landen, wo sie hingehören. Manche sitzen dann stundenlang in der Notaufnahme, obwohl eine Praxis gereicht hätte. Das Kabinett hatte die Reform im April beschlossen, im Juli war die erste Lesung. Der Gesundheitsausschuss hat am Mittwoch noch 22 Änderungsanträge der Koalition beraten.
Was sich am Telefon ändert
Die 116117 soll mehr können als bisher. Laut Gesundheitsministerium wird sie zur Akutleitstelle, die eine strukturierte Ersteinschätzung macht und dich telefonisch ärztlich berät, auch per Video. Nach dem Kabinettsbeschluss sollen telemedizinische und aufsuchende Dienste flächendeckend rund um die Uhr erreichbar sein. Aufsuchend heißt: Wenn nötig, kommt jemand zu dir nach Hause.
Für Eltern kann das viel Stress nehmen. Statt nachts mit einem müden Kind ins Auto zu steigen, kann eine Ärztin per Video draufschauen und sagen, ob das Fieber zu Hause gut zu behandeln ist. Auch der Rettungsdienst bekommt mehr Spielraum: Er darf laut tagesschau künftig in eine Notdienstpraxis statt in die Notaufnahme fahren oder dich direkt zu Hause versorgen.
Was sich im Krankenhaus ändert
An rund 750 Kliniken sollen sogenannte Integrierte Notfallzentren entstehen. Dort arbeiten Notaufnahme und Notdienstpraxis zusammen, mit einem gemeinsamen Tresen und einer zentralen Ersteinschätzung. Wer kommt, wird also nicht mehr hin- und hergeschickt, sondern gleich an der richtigen Stelle behandelt. Eine Ersteinschätzung soll es in allen Notaufnahmen geben.
Für Familien ist ein weiterer Punkt wichtig: Wo besonderer Bedarf besteht, sollen zusätzliche Notfallzentren für Kinder und Jugendliche entstehen. Die Standorte sollen laut Bundesregierung innerhalb von sechs Monaten nach Inkrafttreten festgelegt werden. Wann genau die Neuerungen in deiner Region ankommen, steht noch nicht fest.
Drei typische Situationen
Dein Kind hat am Sonntagnachmittag Fieber und Bauchweh, wirkt aber wach und trinkt. Dann ist die 116117 der richtige erste Schritt. Dort wird eingeschätzt, ob die Kinderarztpraxis am Montag reicht oder ob ihr heute noch in eine Notdienstpraxis fahren solltet.
Dein Vater ist gestürzt und hat eine Platzwunde, ist aber ansprechbar. Auch hier hilft zuerst die 116117, die dich an die passende Stelle schickt, künftig im Zweifel direkt an den gemeinsamen Tresen eines Notfallzentrums.
Jemand hat plötzlich starke Schmerzen in der Brust, bekommt schlecht Luft oder ist nicht mehr ansprechbar. Dann gibt es keine Abwägung: sofort die 112. Daran ändert die Reform nichts.
Wer besonders profitiert, und was offen bleibt
Neben jungen Familien dürften vor allem ältere und alleinlebende Menschen sowie Versicherte auf dem Land profitieren, wenn Videosprechstunde und Hausbesuche verlässlich funktionieren. Der BKK Dachverband nennt die Reform einen „wichtigen Schritt für eine bessere Versorgung, wenn auch zu einem hohen Preis“. Wie gut das im Alltag klappt, hängt davon ab, wie zügig Leitstellen und Notfallzentren aufgebaut werden. Was du schon heute wissen solltest, erklärt unsere FAQ zu 112 und 116117 nach der NotfallreformNotfallreform: 112, 116117 & NotaufnahmeDas Notfallgesetz steuert auf die Lesung am 25.09.2026 zu. INZ, Ersteinschätzung und digitale Kopplung von 112 und 116117 – was ab 2027 für dich praktisch zählt, fasst das FAQ zusammen..
Was du tun kannst
- Die 116117 im Handy speichern. Unter diesem Eintrag findest du sie nachts schneller als über eine Suche.
- Bei Lebensgefahr nicht zögern. Brustschmerz, Atemnot, Bewusstlosigkeit oder starke Blutungen sind Fälle für die 112, ohne Umweg.
- Beim Anruf die wichtigsten Infos bereithalten. Alter, Beschwerden seit wann, Fieberwert, Medikamente und die Versichertenkarte helfen bei der Einschätzung.
- Die nächste Notdienstpraxis heraussuchen. Wer weiß, wo sie ist und wann sie geöffnet hat, spart im Ernstfall Zeit.
Bis die Reform überall im Alltag ankommt, wird es dauern. Die Grundregel kannst du dir aber schon heute merken: erst die 116117, bei Lebensgefahr die 112.
Quellen
- Deutscher Bundestag: Textarchiv KW 42 – Notfallversorgung
- Bundesgesundheitsministerium: FAQ zur Notfallreform
- Bundesgesundheitsministerium: Bundeskabinett beschließt Notfallreform (22.04.2026)
- Bundesregierung: Reform der Notfallversorgung
- tagesschau: Notfallreform im Bundestag (15.10.2026)
- BKK Dachverband: Presse


Schreibe einen Kommentar